Im Kampf für Frauen in Top-Positionen von Unternehmen hat die Römerin das Firmennetzwerk «Advance» gegründet. Im Interview spricht sie über talentierte Frauen, Männer beim Bier und das Schultheater ihrer Tochter.

Frau Scarpaleggia, Sie sind der weibliche Robin Hood.
Simona Scarpaleggia: Der war ich vielleicht früher einmal, aber heute ist das nicht mehr nötig. Aber damals, vor dreissig Jahren, als ich zu arbeiten begann, war es für Frauen viel schwieriger. Ich lebte damals in Italien, aber in der Schweiz war es zu jener Zeit nicht besser.

Was war hart?
Es war schwierig sich in einem Büro-Team zu etablieren, das voller Männer war. Ich bin meinem damaligen Chef sehr dankbar, der den Mut hatte, mich einzustellen. Er sah in der Anstellung einer Frau in einer wichtigen Position eine Chance, da ich anders denke als die Männer.

Wieso sind Sie heute nicht mehr Robin Hood?
Die Zeit ist vorbei. Heute gibt es mehr Frauen in Top-Positionen. Sie sind in der Gesellschaft verankert. Allerdings sind es noch immer nicht genug.
Liegt der Mangel an Frauen an führenden Stellen an den Frauen oder an den Unternehmungen?
Ich denke, es ist eine Frage der Kultur, der Mentalität. Da muss die Gesellschaft umdenken. Es braucht Firmen, die bereit sind, Frauen in ihr Management aufzunehmen. Und es braucht Frauen, die ambitioniert und bereit sind, solche Stellen zu besetzen.

Gibt es denn viel ungenutztes Potential?
Ja! Ich habe in der Schweiz viele fantastische Frauen kennengelernt, die von Ausbildung und Erfahrung her bereit sind. Leider sind einige von ihnen scheu, aber eigentlich möchten Sie in solche Top-Positionen rein.

Was fehlt diesen Frauen?
Oftmals fehlt ihnen der Mut sich für solche Jobs von sich aus zu empfehlen und auch «aufzudrängen». Sie glauben immer noch, dass sie ruhig warten können und eines Tages entdeckt werden, wenn sie hart genug arbeiten.

Und das ist falsch?
Hart zu arbeiten ist natürlich richtig. Aber manchmal muss man sich halt bemerkbar machen: «Hallo, da bin ich!»

Um die Frauen entsprechend zu coachen, haben Sie das Firmennetzwerk «Advance» für Business-Ladys gegründet.
Genau. Wir trainieren die Frauen in Disziplinen wie Selbstsicherheit oder Auftreten, bieten erfahrene weibliche Führungskräfte als Rednerinnen an und lassen die Teilnehmerinnen alles fragen. Natürlich drehten sich die meisten Fragen um die Kunst Mutterschaft und Karriere in Einklang zu bringen.

Klingt spannend und sinnvoll. Männer verschiedener Ranghöhen gehen halt eher nach der Arbeit auf ein Bier oder treiben zusammen Sport. Da knüpfen sich Kontakte leichter.
Absolut. Frauen networken von Natur aus weniger. Frauen unternehmen weniger mit ihren Arbeitskollegen als Männer. Entsprechend nutzen sie ihre Möglichkeiten auch nicht für die Karriere. Da können sich Frauen eine Scheibe von den Männern abschneiden.

Und was können Firmen ändern?
Grosse Firmen wie Ikea, McKinsey&Company oder Swiss Re machen es vor. Sie stocken ihr Management auf und schaffen Plätze für Frauen. Die Resultate zeigen deutlich: Es lohnt sich, die Ansichten von Frauen in der Chefetage zu haben.

Hand aufs Herz: Glauben Sie wirklich, dass Frauen im Business dermassen anders denken als Männer und deshalb das Management bereichern oder ist Ihre Angelegenheit eher eine feministische?
Nein, das hat mit Nachhaltigkeit zu tun. Die halbe Erdbevölkerung ist weiblich und in den westlichen Ländern ist mehr als die Hälfte der Studienabgängerinnen weiblich. Gleichzeitig jammern wir über den Mangel an talentierten Arbeitskräften. Wenn eine Firma also besser werden möchte, braucht sie die besten Leute. Und die besten Leute sind nicht nur Männer. Ich will nicht, dass Firmen eine Frau nehmen, weil sie eine Frau ist, sondern weil sie Talent hat. Auch Frauen tun der Wirtschaft gut.

Also doch Feminismus?
Nein, eigentlich nicht. Aber klar, das Ganze wird zu einem Feminismus-Thema, wenn man fragen muss: «Warum sind Frauen ausgeschlossen?» Es ist an der Zeit für einen Schritt vorwärts.

Glauben Sie denn, dass es möglich ist, eine Familie zu gründen, Kinder grosszuziehen und gleichzeitig in einer Führungsposition einer grossen Unternehmung zu sein?
Ich bin sicher. Klar, wenn beide Partner in einer Management-Position sind, braucht es Unterstützung für die Kinder.

Und wenn Sie in Rente gehen, lernen Sie Ihre Kinder kennen.
Nein, man muss sich halt neben der Arbeit Zeit nehmen. Ich rede aus eigener Erfahrung. Ich habe drei Kinder. Eine 22-jährige und eine 20-jährige Tochter und einen Sohn, der bald 17 wird. Ich musste zeitweise einen Teil meiner persönlichen Hobbies aufgeben. Ich reise, koche und lese gerne. Aufs Reisen und ausgiebige Kochen musste ich vorübergehend verzichten. So ist das halt.

Haben Sie die Theateraufführungen Ihrer Kinder an der Schule immer brav besucht?
(lacht) Eine einzige habe ich verpasst, sonst nie. Aber das wirft mir meine Tochter heute noch vor. Ich habe mich damals so beeilt, bin in die Vorstellung reingeplatzt, aber da hatte meine Tochter ihren Teil schon gespielt.