Noch vor wenigen Jahren wäre dies völlig unvorstellbar gewesen. Ein Trick war nötig, damit es so weit kam. Zum Glück für die Post. 15 Jahre ist es her, da bewarb sich John Charles bei der Schweizerischen Post für den Job als Strategic Account Executive. Genau wie bei seinen früheren Stellen schickte er auch damals kein Foto von sich mit. «Mein Lebenslauf ist so gut, da lud man mich trotz fehlendem Bild zum Gespräch ein», erzählt John Charles. «das Gremium war verblüfft als dann ein Schwarzer den Raum betrat.»
John Charles ist auf Trinidad & Tobago geboren und als Sohn einer gutbürgerlichen Familie auf der Karibik-Insel und in den USA aufgewachsen. Er studierte Marketing und Betriebswirtschaft, absolvierte in New York eine Banking-Weiterbildung. Als er vor 23 Jahren wegen seiner damaligen Liebe in die Schweiz zieht, findet er sich auf der Baustelle wieder, wo er als Hilfsarbeiter anpackt und schleppt. «Mit den Kollegen aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei gehörte ich zur untersten Schicht der Bauarbeiter. Auf diese Weise ernährte ich meine vierköpfige Familie, nahm abends Deutsch-Unterricht und machte gleichzeitig etwas für meinen Körper.»

Die Dorfbeiz von Zuckenriet
Zuckenriet gehört zur politischen Gemeinde Niederhelfenschwil im Kanton St. Gallen. 1990, als der bärenstarke, grossgewachsene John Charles durch die Strasse geht, spähen die Einwohner neugierig hinter den Vorhängen aus den Fenstern. Natürlich entgehen John Charles die Blicke nicht, doch er kann sie einordnen. «Klar schauten sie wegen der Hautfarbe, doch nicht aus rassistischen Gründen, sondern aus Interesse.» John Charles’ Glück: Der Vater seiner damaligen Freundin nimmt ihn ohne zu zögern in die Dorfbeiz mit, wo er mit den Leuten in Kontakt kommt, die Sprache lernt, Berührungsängste abbaut. «Ich bin heute noch dankbar dafür, dass ich so herzlich aufgenommen wurde.»
Mittlerweile ist der 51-Jährige in der Geschäftsleitung von PostMail angelangt, mit rund 18 000 Mitarbeitenden der grösste Konzernbereich der Post, wo er den Verkauf und das Strategic Account Management leitet. Längst besitzt er den Schweizer Pass, auf seine Hautfarbe ist er stolz. «Mir gibt meine Herkunft immer wieder eine Chance, andere positiv zu überraschen. Tief drin fühle ich mich als Schweizer. Ich mag die Schweizer Tugenden und die Kultur.»

Vorbild für die jungen Pöstler
Seine persönliche Geschichte macht Charles heute zu einer Integrationsfigur bei der Post, einem sehr schweizerischen Unternehmen. Gerne sucht er das Gespräch mit jungen Secondos, die bei der Post arbeiten. «Ich identifiziere mich voll und ganz mit der Schweizerischen Post und den Werten für welche sie steht. Deshalb erinnere ich die Jungen gerne daran, dass sie stolz darauf sein können bei einem solch grossartigen Unternehmen zu arbeiten. Aber auch bei der Post gilt: wenn du «anders» bist, musst du mehr Hindernisse überwinden und bereit sein mehr zu leisten.»
Auch bei seiner täglichen Arbeit als Verkaufsleiter profitiert John Charles von seinem Hintergrund und seiner Affinität gegenüber der Chancengleichheit aller Menschen. John Charles: «Auch in der Schweiz ticken nicht alle Menschen gleich. Dem Deutschschweizer verkauft man ein Produkt nicht gleich wie dem Romand oder dem Tessiner. Und sogar innerhalb dieser Regionen gibt es verschiedene Kulturen. Es ist wichtig, dass wir auf die unterschiedlichen Bedürfnisse unserer Kunden eingehen.»

Ein Glück für die Post, dass John Charles einst zum Bewerbungsgespräch eingeladen wurde, obwohl er das Profilfoto auf dem Lebenslauf «vergessen» hatte.