Claude Baumann
Leiter Multi Channel Architecture, SBB AG

Die Unternehmen spüren den Wandel: Die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, wird in Anstellungsinterviews sowie von den Mitarbeitenden immer öfter nachgefragt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Der Wunsch beider Elternteile, sich in der Kinderbetreuung zu engagieren, eine zeitintensive Freizeitbeschäftigung oder soziales Engagement. Noch liegt der Anteil teilzeitarbeitender Männer bei rund 10 Prozent. Bei der SBB hat er sich in den letzten zehn Jahren aber fast verdoppelt.

Was ist Ihr Arbeitspensum?

Ich arbeite 90% auf vier Tage verteilt. An einem Tag pro Woche hat meine 2-jährige Tochter absolute Priorität. Meine Frau arbeitet an diesem Tag als Heilpädagogin. Meine Arbeitstage sind oft lang. Nicht selten komme ich erst nach dem Abendessen nach Hause. Dafür kann ich einen Tag mehr zu Hause sein. Das ist ein grosses Privileg.

Weshalb haben Sie Ihr Pensum reduziert?

Eigentlich habe ich noch nie 100% gearbeitet. Früher investierte ich meine Freizeit in Jugendarbeit, danach in ein Abend- und Fernstudium. Auch ehrenamtlich bin ich stark engagiert. Meine Frau und ich wussten, dass dieser Tag einmal der Familie gehören würde, sobald wir Kinder hätten. Ich habe dieses Lebensmodell bewusst gewählt. Für mich ist es eine Grundeinstellung und eine Wertefrage.

Eine Vollzeitstelle käme für Sie nicht in Frage?

Für mich war immer klar, dass ich nur einen Teilzeitjob annehmen würde. Bei Bedarf kann ich auch mal mehr arbeiten und kurzfristig für andere einspringen. Auf die Dauer würde das aber nicht zu meinem Lebensmodell passen.

Beeinflusst ein solches Arbeitsmodell den eigenen Führungsstil?

Als Vorgesetzter lege ich grossen Wert auf eine gute Work-Life-Balance meiner Mitarbeitenden. Es ist sogar einer meiner höchsten Führungsgrundsätze. Ich glaube, dass mehr Zeit und Aufmerksamkeit für das soziale Umfeld des Mitarbeiters einen positiven Effekt auf das Arbeitsumfeld hat.

Wie hat sich die Reduktion auf Ihr Leben ausgewirkt?

Der Entscheid hat mich als Person verändert. Ich bin mehr für mein Kind da und habe ein besseres Verständnis für die Aufgaben meiner Frau. Ich weiss wie es ist, wenn es abends zu Hause unordentlich ist und man nicht alles erledigt hat. Oder wenn der Partner spät nach Hause kommt und dann gleich nochmals weg muss. Was braucht es, damit

Teilzeit im Kader möglich ist?

Vorgesetzte, die dies wollen und ermöglichen. Man muss sich abgrenzen können und das Vertrauen haben, dass es auch ohne einen geht.

Viele Männer würden gerne Teilzeit arbeiten, nur wenige tun es – wie erklären Sie dies?

Viele Männer definieren ihren Wert über die Anzahl Stunden, die sie arbeiten. Sie glauben, dass sich Karriere und Teilzeitarbeit nicht vereinbaren lassen. Gesellschaftlich ist es noch nicht ganz durch, dass Teilzeit arbeitende Kollegen genauso wertvoll sind und einen guten Job machen wie Vollzeitmitarbeitende.

 


 

René Kast
Lokführer, SBB AG

Wie sieht Ihr Arbeitspensum aus?

Seit zweieinhalb Jahren arbeite ich 50%. Vor ca. 4 Jahren waren es noch 80% und zuvor arbeitete ich Vollzeit.

Weshalb die anfängliche Reduktion auf 80%?

Der Lokführerjob wurde mir aufgrund verschiedener Änderungen etwas zu eintönig. Ich hatte die Wahl: Entweder suchte ich mir einen neuen Job, oder ich versuchte es mit einer Pensumsreduktion.

Wie hat Ihr Vorgesetzter auf Ihren Vorschlag reagiert?

Mein damaliger Chef war ziemlich erstaunt. Die Reduktion stiess auf wenig Anklang, da wir schon knapp an Personal waren. Aber es hat dann doch geklappt.

Was machen Sie am arbeitsfreien Werktag?

Ich lebe mit meiner Frau in einem Maiensäss und habe dort in meiner Freizeit alle Hände voll zu tun. Allein schon der Auf- und Abstieg sind zeitaufwändig. Das Maiensäss habe ich selber umgebaut. Es verfügt über alles: Strom, TV, Internet.

Wieso haben Sie Ihr Pensum vor zweieinhalb Jahren auf 50% reduziert?

Ich war mit den 80% sehr zufrieden. Aber irgendwann änderten die Bedingungen für meinen freien Tag. Erst wollte ich den Job wechseln. Doch dann traf ich in Sargans zufällig einen Lokführer-Kollegen und fragte ihn mehr aus Jux, ob wir uns nicht eine Stelle teilen wollten. Er sagte sofort zu. Mein Vorgesetzter fand die Idee auch gut und willigte ein.

Wie funktioniert das Jobsharing mit Ihrem Kollegen?

Ich arbeite die erste Hälfte der Woche, mein Kollege die zweite. Nach 26 Wochen wechseln wir.
Welche Auswirkungen spüren Sie durch die Reduktion?
Ich habe keine Absenzen mehr, bin nie krank und ich habe viel mehr Lebensfreude. Es bleibt mehr Zeit für Hobbys und meine Arbeit macht mir wieder viel Spass.

Gibt es auch Neider?

Neid habe ich nie gespürt. Bei uns in Sargans arbeiten zehn von 24 Mitarbeitern Teilzeit.

Viele Männer würden gerne Teilzeit arbeiten, nur wenige tun es – wie erklären Sie dies?

Es braucht Mut. Viele definieren sich über den Lohn und die erbrachte Leistung. Dazu kommen Sicherheitsaspekte, ob das Geld im Alter reichen wird. Unsere Kinder wohnen nicht mehr zu Hause und meine Frau arbeitet ebenfalls 50%. Was wir haben, teilen wir ein. Verzichten müssen wir dennoch auf nichts.
 

Hätten Sie rückblickend gerne früher reduziert?

Vielleicht ja. Wobei das Leben mit den Kindern, wie wir es heute auf dem Maiensäss führen, nicht möglich gewesen wär. Zudem fehlte das Bedürfnis. Das Modell Teilzeit war nicht bekannt.
Könnten Sie sich eine

Rückkehr auf 100% vorstellen?

Nein. Ich bin heute äusserst zufrieden, auch mit der SBB als flexible Arbeitgeberin. Ich arbeite sehr gerne und kann ein Teilzeitpensum nur weiter empfehlen.FACTS
Teilzeit bei der SBB

Anteil Teilzeit arbeitender Frauen: 50,0 Prozent
Anteil Teilzeit arbeitender Männer: 10,6 Prozent
Die Zahl der Männer, die bei der SBB Teilzeit arbeiten, hat sich in den letzten 10 Jahren fast verdoppelt (10,6 Prozent 2013 gegenüber 5,9 Prozent im 2003.