Marianne Baumgartner führt mit ihrem Partner ein Architekturbüro und ist Mitglied des Netzwerks Frau und SIA. Beide studierten Architektur an den ETH Lausanne und Zürich. Und beide machten im Lauf ihrer Studien- und Berufszeit sowohl vergleichbare als auch unterschiedliche Erfahrungen.

Aebi entschied sich nach einem Jahr Medizinstudium für die Architektur. «Der Beruf ist vielseitig und anspruchsvoll, es gilt den Raum als zu gestaltende Disziplin zu betrachten. Das Wechselspiel zwischen dem Menschen und seiner Umwelt faszinierte mich dabei am meisten», sagt Aebi, deren Vorbilder sowohl ihr Vater als Maschineningenieur als auch Architektur-Studierende im nahen Freundeskreis waren.

In Baumgartners familiärem Umfeld gab es viele Architekten. «Während meiner Kindheit empfand ich es allerdings zuweilen als anstrengend, sogar in den Ferien Fassaden betrachten und Gebäudefluchten ablaufen zu müssen. Aber die Breite des Architektenberufes begann mich zu faszinieren», erzählt Baumgartner. «Ich fand es sehr herausfordernd, meine Umgebung konkret mitgestalten zu können.»

Von damals zu heute
Aebi ist heute 45 Jahre alt, Baumgartner 30 Jahre. Zu Beginn ihres Studiums bemerkte Aebi, dass Frauen oft anders beurteilt wurden als Männer und viele ihre Ausbildung vorzeitig abbrachen. «Im Praktikum wurde man am Telefon meistens als Fräulein Sekretärin angesprochen und weniger ernst genommen», erzählt sie schmunzelnd.

Die Situation hatte sich bereits etwas verändert, als sich Baumgartner für das Studium einschrieb. «Der Unterschied zu damals liegt besonders darin, dass junge Frauen zu Beginn der Karriere viel Unterstützung erfahren», sagt sie. «Leider gab und gibt es noch immer wenige Professorinnen. Ich erlebte das zwar nie als gravierend, doch hätte ich mir gewünscht, dass wir uns häufiger an weiblichen Vorbildern hätten orientieren können.»
 

Familie und Beruf
Ein zentrales Thema ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. «Im Moment, in dem man beruflich durchstarten und viel investieren müsste, steht häufig auch die Familienplanung an», sagt Baumgartner. «Dieses Dilemma lässt sich nicht ignorieren, aber man kann mildernde Strukturen schaffen, zum Beispiel durch Teilzeitstellen. Diese sind allerdings auch in der Architektur noch immer ein schwieriges Thema. Als Selbständige kann man das Arbeitsmodell weitgehend selbst bestimmen. Aber auch für Angestellte müssen interessante Arbeiten in einem Teilpensum möglich sein. Es ist anspruchsvoll, braucht Mut und das Vertrauen der Arbeitgeber, aber es geht.»

Aebi kennt diese Situationen aus eigener Erfahrung. Sie lebt getrennt und hat zwei Kinder. «Mehr als 80 Prozent kann ich nicht arbeiten und in dieser Zeit muss ich genügend Geld verdienen. Wir laufen oft am zeitlichen Limit, doch zum Glück sind meine Kinder gesund und relativ selbständig und wir haben eine zuverlässige Wahl-Grossmutter», sagt Aebi. Trotzdem empfiehlt sie, bei Bewerbungen nicht vorgängig nach Teilzeitarbeit zu fragen. «Das wird im Bewerbungsprozess ausgehandelt. Im Fokus sollten die Aufgabe und die Zusammenarbeit stehen. Stimmen diese Punkte für beide Parteien, ist man die richtige Wahl - und dann können Kinder sogar ein Vorteil sein, weil man langfristiger und berechenbarer plant.»

Das Netzwerk im Zentrum
Auch bei solchen Fragen setzt das interdisziplinäre Netzwerk Frauen und SIA des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA an. Es wurde vor rund zehn Jahren als Kommission Frau und SIA gegründet. Aebi ist Gründungsmitglied und seit dem Jahr 2007 Präsidentin. «Wir haben heute über 50 Mitglieder aus der Deutsch- und Westschweiz und wachsen stetig», sagt Aebi. «Unser Auftrag besteht darin, den Frauenanteil im SIA und in den technischen Berufen zu erhöhen. Architektinnen und Ingenieurinnen sollen sich lustvoll für diese Berufe entscheiden. Wir vernetzen sie - sowohl Selbständige wie auch Angestellte. Auch wenn sie sich nicht persönlich engagieren, ist eine Mitgliedschaft ein wichtiges Zeichen. Wir führen ehrenamtlich Projekte durch und organisieren Veranstaltungen, an denen sich die Mitglieder austauschen können, diskutieren inhaltliche Themen und Fragen des beruflichen Alltags wie Lohndiskriminierung oder den Umgang mit den vielfältigen Anforderungen. Auch projektbezogene Teams wurden schon gebildet.»

Braucht es das?
Auch Baumgartner ist seit 2013 Mitglied im Netzwerk: «Ich machte mich sehr früh selbständig und hatte viele offene Fragen. Als ich zufällig an eine Veranstaltung des Netzwerks ging, erhielt ich sofort Zugang zu hilfreichen Gesprächspartnerinnen, konnte mich austauschen, fand Zuspruch und zu vielen Fragen die gesuchten Antworten. Wir haben hier eine gute Diskussionskultur und arbeiten professionell und lösungsorientiert.» Die beiden Frauen werden oft gefragt, ob es das Netzwerk überhaupt brauche. Baumgartner sieht den Anstieg der Mitgliederzahl als besten Beweis dafür. Und Aebi sagt: «Ich stelle die Gegenfrage, ob man es gut fände, dass wir heute im Architektur-Studium einen Frauen-Anteil von 50 Prozent haben, im SIA insgesamt aber nur zirka zwölf Prozent - und ob man es erstrebenswert finde, dass diese Absolventinnen auch nach 20 Jahren im Beruf erfolgreich tätig seien. Dann erübrigt sich die Frage.»