Technik ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Mit grosser Selbstverständlichkeit nutzen wir beispielsweise technische Fortbewegungsmittel. Erst wenn der Zug mitten auf der Strecke wegen einer Fahrleitungsstörung anhält oder das Auto nicht mehr fährt, fragen wir uns, was diese Fahrzeuge denn in Bewegung versetzt. «Welche Kräfte machen uns mobil? Diese Frage interessiert schon eine Fünftklässlerin», sagt René Providoli, Dozent für Technisches Gestalten an der Pädagogischen Hochschule Wallis. Kinder und Jugendliche seien von Natur aus neugierig und hätten Freude an der Technik. «Sie sind sehr motiviert, etwas zum Funktionieren zu bringen.»
 

Vor allem auch Mädchen

Über die Auseinandersetzung mit technischen Fragen könnten bereits Primarschüler zu einem innovativen und kritischen Umgang mit Technik finden, betont Providoli. «Dies wird vor allem über die konkrete Beschäftigung mit technischen Objekten und den dahinter steckenden naturwissenschaftlichen Phänomenen möglich.» Technikgeschichte, verbunden mit ethischen Aspekten, Zukunftsvisionen, vor allem aber der gestalterische und experimentierende Zugang würden ein grosses Feld an Möglichkeiten für den Unterricht bieten, erklärt der ausgebildete Werk- und Primarlehrer. Er fordert deshalb für Kinder und Jugendliche, insbesondere auch Mädchen, eine i­ntensivere Ausbildung und Nachwuchsförderung im so genannten MINT-Bereich, der die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik umfasst. «Der Fokus auf die Altersstufe der 10- bis 13-Jährigen ermöglicht es, Kinder in einer Entwicklungsphase abzuholen, in der sie ihrer späteren beruflichen Zukunft gegenüber offen und unvoreingenommen sind.» Mit einer sinnvollen Frühförderung in MINT meint Providoli vor allem den Zugang über das Konstruieren und Erfinden mit Technik. «Es ist schade, dass Technik-Inhalte für viele Lehrkräfte und Bildungsbehörden nach wie vor ein Randthema sind. Dabei haben solche Fächer Hand und Fuss. Der Unterricht kann praktisch und pragmatisch erfolgen.» Kinder und Jugendliche würden dadurch nicht in der Rolle von «Technikkonsumenten» verharren, sondern könnten selber herausfinden, wie und weshalb etwas funktioniert.
 

Oft fehlt die Zeit

Die Zielgruppe der 10- bis 13-Jährigen sei deshalb besonders interessant, weil sich Kinder und Jugendliche dann in einem spannenden Alter befinden, betont Providoli. «Später sind sie oft fremdbestimmt und machen nicht mehr das, was sie eigentlich interessiert, sondern das, was andere von ihnen erwarten.» Viele Lehrpersonen seien sich zwar bewusst, dass Kinder dem Thema Technik grosses Interesse entgegenbringen, weiss Providoli aufgrund langjähriger Erfahrung. «Es ist aber meist nicht einfach, sinnvolle Unterrichtsmaterialien zu finden.» Zum Aufarbeiten der Inhalte fehlten zudem oft die nötige Zeit und auch das entsprechende Fachwissen. «Kommen dann noch Probleme bei der Suche nach geeigneten und bezahlbaren Werk- und Experimentierstoffen dazu, werden andere Themen bevorzugt, die weniger Aufwand erfordern.»
 

Spass am Konstruieren und Experimentieren

«Explore-it», ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt, an welchem Providoli beteiligt ist, stattet Lehrerinnen und Lehrer mit Materialboxen aus, die sich für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eignen. 2012 konnten rund 16 000 Schülerinnen und Schüler davon profitieren. Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften ist der Bau eines technischen Objekts, inklusive Anleitung, Aufgabenstellung und spannenden Experimenten. «Damit wollen wir den Mangel an geeignetem Unterrichtsmaterial zum Werken und Experimentieren beheben», so Providoli. Man könne von den Lehrpersonen nicht verlangen, dass sie ihre Schülerinnen und Schüler für die Technik begeistern sollen, wenn die dazu benötigten Lernutensilien fehlen. Obwohl Technik unseren Alltag entscheidend beeinflusst und dies in Zukunft wahrscheinlich noch in viel grösserem Ausmass der Fall sein wird, würden die entsprechenden ­Fächer an der Volksschule vernach­lässigt, bedauert René Providoli. ­«Besonders wichtig ist es, die Mädchen in diesen Disziplinen zu fördern. Mit der fortschreitenden Feminisierung des Lehrberufs werden sie zu den ­Vorbildern künftiger Generationen von Technikerinnen und ­Technikern.»