Anita Lutz
Dipl. Bauingenieurin ETH/ SIA

Traditionell waren bislang Männer in technischen Berufen tätig. Sie beweisen das Gegenteil.
Das stimmt. Ich bin in einem Beruf tätig, den mehr Männer als Frauen ausüben. Aber der Beruf an sich ist in keiner Art und Weise ein Männerberuf. Durch die Schweizerische Vereinigung der Ingenieurinnen (SVIN) kenne ich viele Ingenieurinnen, Naturwissenschaftlerinnen und Informatikerinnen und habe Einblick in die verschiedensten technischen Berufe. Gemeinsam ist den Berufen die Fokussierung auf die Suche nach neuen Lösungen und nach einer besseren Zukunft – in einem kreativen Umfeld und in konstruktiver Art und Weise. Die Berufsleute setzen sich ein für die Gesellschaft, indem sie diese stärker machen. Sie prägen und lenken die Gesellschaft. Solche Berufe sind typische Berufe für Frauen und Männer.

Wie erleben Sie Ihren Beruf als Frau?
Der Beruf an sich, aber noch viel mehr das Arbeitsumfeld und die Kultur der Unternehmung, in der wir arbeiten, sind für Vor- und Nachteile entscheidend. Der Umstand, als Frau in einem technischen Beruf zu arbeiten, verliert angesichts dessen an Bedeutung. Ich selber bin immer wieder gefördert worden und durfte früh in Gremien mitarbeiten, sicher auch deshalb, weil ich eine Frau bin. Schade finde ich, dass ich lange Jahre selten mit Frauen zusammenarbeiten konnte. Diese Situation wird heutzutage aber besser, was ich sehr schätze. Und es war ein Highlight, als in einem Projekt, wo ich mitarbeiten durfte, sowohl eine Architektin, eine Spezialistin für Bauphysik, eine Haustechnikingenieurin und eine zweite Bauingenieurin am Tisch sassen.

Was sagen Sie zur Chancengleichheit?
In den zeitgemäss geführten Betrieben besteht aus meiner Sicht Chancengleichheit für die heutige und kommende junge Generation. Und damit meine ich die gleichen Möglichkeiten zur Entfaltung von Talent und Begabung und gleicher Lohn im technischen Beruf für Mann und Frau. Ich muss allerdings zugeben, dass es manchmal schon noch das eine oder andere Hemmnis gibt. Wenn ein Arbeitgeber der Überzeugung ist, dass nur eine 100%-Anstellung zweckmässig ist, bekommen junge Väter und Mütter oft ein Problem, dem sie sich stellen müssen. Ein ganz anderes Hindernis ist, so glaube ich, vor allem in grösseren Unternehmen mit langer Tradition vorhanden. Die Kultur und die Kaderförderung sind noch männlich geprägt. In einem solchen Umfeld haben Männer vielleicht mehr Chancen, sich wohlzufühlen und weiterzukommen.

Einverstanden. Weshalb aber gibt es nach wie vor zu wenige Frauen in technischen Berufen?
Verschiedenes spielt hier zusammen. Ich denke der Hauptgrund ist, dass die technischen Berufe generell zu wenig bekannt sind. Es herrschen keine oder falsche Vorstellungen von diesen Berufsfeldern. Es bestehen geschlechtsspezifische Klischees wie «Ingenieurberufe sind Männerberufe» – und Frauenvorbilder fehlen. Zudem ist zu wenig bekannt, dass auch in technischen Berufen Teilzeitarbeit sehr gut möglich ist und dass sich Familie und Beruf wie auch in anderen Berufen gut kombinieren lassen. Meiner Meinung nach ist der leider beschränkte Platz für Naturwissenschaft und Technik in der Schule ebenfalls ein Faktor. In den verschiedensten Berufsverbänden, aber auch innerhalb von Ausbildungsstätten, sind wir unterdessen sehr aktiv, um die verschiedenen Ursachen zu beheben.

Wie ist es Ihnen denn selber in der Schule ergangen?
Ich bin gerne in die Schule gegangen. In der Kantonsschule in Chur wählte ich nach drei Jahren im Typus Latein die Richtung naturwissenschaftlich-technisches Gymnasium, weil es mir in diesen Fächern leichter fiel, zu lernen. Ich wollte dann ein naturwissenschaftlich technisches Studium und einen Beruf, in dem ich im Büro und im Freien arbeiten kann. Wir hatten zwei Büchlein zu Hause – eines mit Männerberufen und das andere mit Frauenberufen. Keine Ahnung, in welchem der Ingenieurberuf drin stand, ich habe beide mit Interesse gelesen. So wählte ich aus den mir damals bekannten Berufen und nach einem Praktikum schliesslich das Bauingenieurwesen als Studium. Heute bin ich zu einem Teil meiner Arbeitszeit mit den Geschäftsführungsaufgaben beschäftigt, der grössere Teil der Zeit geht aber weiterhin in Projekten und Beratungen auf.