Welche Ausbildung, Frau Liechti, hat Ihnen auf dem Weg zu Ihrem Wunschberuf geholfen?

Ich habe nach der Sekundarschule eine vierjährige Berufslehre zur Automechanikerin absolviert und anschliessend zwei Jahre auf diesem Beruf gearbeitet. Ich war also schon damals in einem Beruf tätig, der vorwiegend von Männern ausgeübt wird. Dann habe ich mich für eine Zweitausbildung entschieden und bin jetzt seit September 2013 als Lokführerin in der Region Bern und Solothurn unterwegs.

Sie arbeiten in einem männerdominierten Beruf. Hatten Sie als Frau da zu Beginn mit Schwierigkeiten und Vorurteilen zu kämpfen?

Bei manchen Kollegen, die ich als Lernfahrerin begleitet habe, spürte ich am Anfang schon eine gewisse Skepsis mir gegenüber. Doch diese verflog meistens schon nach kurzer Zeit. Geholfen hat mir sicher auch, dass ich in meiner früheren Tätigkeit bereits in einer Männerdomäne gearbeitet habe. Ich war es mir also schon gewohnt, vor allem mit männlichen Kollegen zusammenzuarbeiten. Die meisten meiner Arbeitskollegen haben mich von Anfang an ganz selbstverständlich respektiert oder aber spätestens dann, wenn sie erfahren haben, was ich vor der Lokführerausbildung gemacht habe. (lacht)

Was gefällt Ihnen denn besonders an Ihrem Beruf?

In erster Linie die Selbstständigkeit. Man ist sein eigener Chef. Zudem arbeitet man zwar nicht in einem Büro, ist im Führerstand aber trotzdem immer im Trockenen. Als Lokführerin kann ich auch die Natur geniessen, die wechselnden Jahreszeiten, die alle ihren Reiz haben. Ich bin auch immer wieder fasziniert von prächtigen Sonnenuntergängen, wenn man in die Nacht hineinfährt. Oder frühmorgens, wenn der Tag dämmert und die Sonne am Horizont erscheint. Zudem schätze ich auch die unregelmässigen Arbeitszeiten. Sie sind sehr praktisch, wenn man Termine hat, aber auch für das Einkaufen oder Freizeitbeschäftigungen wie Skifahren. Freude habe ich natürlich vor allem am Fahren selber. Das hat sicher auch mit meinem Interesse an der Technik zu tun.

Gibt es auf der anderen Seite auch negative Erfahrungen?

Sehr belastend ist sicher, wenn es zu einem Personenunfall kommt. Das habe ich leider auf einer meiner Lernfahrten erlebt. Unfälle können im Arbeitsalltag zu belastenden Situationen führen. Nervenaufreibend sind auch Fahrzeugstörungen, da man in solchen Situationen in kurzer Zeit die richtigen Entscheidungen treffen sollte und auch die entsprechenden Vorschriften im Kopf haben muss.

Weshalb haben Sie sich überhaupt für eine Zweitausbildung entschieden?

Ich wollte noch etwas Neues lernen. Ausserdem sprach mich die Ausbildung zur Lokführerin an, weil sie nur ein Jahr dauert. Im Internet stiess ich damals auf ein Inserat der SBB für einen Infoanlass. Nach dem Besuch war für mich klar, dass ich Lokführerin werden wollte. In meiner Klasse waren 11 Männer – und ich als die einzige Frau.

War das schwierig für Sie?

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte damit keine Probleme. Ich hatte auch bis jetzt noch nie das Gefühl, dass ich von meinen männlichen Arbeitskollegen nicht respektiert werde. Sicher spielt es dabei schon eine Rolle, wie man sich gegenüber den Arbeitskollegen verhält, und am Anfang muss man sich vielleicht manchmal auch ein wenig beweisen. Aber wie gesagt, eigentlich hatte ich damit nie Probleme. Ich selber bin so oder so der Meinung, dass man als Frau in einem sogenannten Männerberuf alle Tätigkeiten ausüben soll, welche die männlichen Kollegen auch erledigen. Ich möchte auf keinen Fall bevorzugt werden, nur weil ich eine Frau bin. Wichtig ist doch vor allem, dass man seine Arbeit jederzeit zuverlässig, gut und gerne erledigt.

Haben Sie ein gutes Verhältnis zu Ihren Arbeitskollegen?

Auf jeden Fall. Auch da gab es praktisch nie Probleme. Bei vielen Kollegen war ich als Lernfahrerin im Führerstand dabei, und so hat man sich auch etwas besser kennen gelernt. In den Pausen gehe ich meistens in unsere Pausenlokale, da ich den Austausch mit den Kollegen sehr schätze und so auch schon viel gelernt habe. Ich denke generell, dass wir heute in einer sehr offenen Gesellschaft leben.Ausserdem ist die SBB ein modernes Unternehmen, welches die Gleichberechtigung fördert.

Was heisst das für Sie konkret?

Dass man zum Beispiel auf die Vertretung der Geschlechter achtet, insbesondere natürlich der Frauen, weil die SBB traditionell ein Männerbetrieb ist. Aber wie ich schon gesagt habe: Für mich war es nie ein Problem, in einem männerdominierten Beruf zu arbeiten. Wichtig ist natürlich auch, dass man in der gewählten Beschäftigung Beruf und Familie vereinbaren kann.