Wie kann ein Umdenken gelingen? Frau Elisabeth Bosshart, Dipl.-Ing. Chemie FH und Betriebsökonomin FH, Präsidentin Business & Professional Women Switzerland. Das Thema ist nicht neu: Der Frauenanteil im obersten Kader in der Schweiz ist nach vor tief und liegt bei 15 Prozent in den Verwaltungsräten und bei nur 6 Prozent in den Geschäftsleitungen. Nachbarländer wie Deutschland und Frankreich weisen deutlich höhere Frauen-Anteile in den Führungsetagen auf. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und des drohenden Fachkräftemangels muss sich die Situation jedoch verändern. Nicht nur die Frauen sollten die Gleichstellung als Selbstverständlichkeit verinnerlichen und einfordern, im beruflichen wie im privaten und gesellschaftlichen Umfeld. Auch die Männer sollten Gleichstellung nicht als Frauenthema beiseiteschieben, sondern sich im Interesse der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung, im Interesse ihrer Partnerinnen und Töchter und auch in ihrem eigenen Interesse, im Sinne einer Entlastung von der Ein-Ernährer-Rolle, aktiv dafür einsetzen.

Raus aus der Komfortzone

Die typischen weiblichen und männlichen Rollenbilder in unserem Lande sitzen tief, nicht nur bei Männern, auch Frauen sind nicht gefeit davor, Männer in Klischees zu hüllen. Daher braucht es ein Umdenken auf beiden Seiten. Eine Entwicklung kann also erst stattfinden, wenn Männer und Frauen ihre Rollenbilder hinterfragen und Klischees in bestimmten Situationen erkennen können. Doch das Hinterfragen ist eine Investition und erfordert die Auseinandersetzung mit sich selbst. Es bedeutet, einen Schritt aus seiner Komfortzone zu machen. Unbewusste Rollenmuster aufzudecken, ist ein längerer Prozess und stellt sich nicht per Knopfdruck ein. Das Erkennen der eigenen Kurzsichtigkeit führt zu mehr Verständnis, wenn es darum geht, Vorurteile gegenseitig abzubauen. Wichtig dabei ist, diese Entwicklungen nicht verbissen zu verfolgen, sondern sie mit Neugierde und Offenheit anzugehen.

Diskrepanz zwischen Worten und Taten

Es ist keine Weltneuheit, dass gemischte Teams besser funktionieren. Verschiedene Studien belegen diese Tatsache. Und tatsächlich steht auch in vielen Firmenbroschüren, dass sie sich für Gleichstellung in ihrem Betrieb einsetzen. In der Realität wird diese Zielsetzung aber oft nicht umgesetzt und es bestehen grosse Diskrepanzen zwischen Worten und Taten. Dies passiert vielleicht nicht aus Absicht, ist aber ein Spiegel dafür, dass die Kultur in Firmen nach wie vor stark von Rollenbildern geprägt ist. Beispielsweise wird in Mitarbeitergesprächen gleiches Verhalten bei Frauen weniger gut bewertet. Auch in Führungspositionen werden Männer und Frauen unterschiedlich beurteilt: Wird zum Beispiel ein unpopulärer Entscheid von einer Frau getroffen, wird sie dafür kritisiert, weil von ihr vor allem Empathie erwartet wird, währenddessen ein Mann für seine Durchsetzungskraft respektiert wird.

Gleichstellung beginnt in der Familie

Die Bewusstmachung von Rollenmustern und -bildern fängt schon in der eigenen Familie an. Auch im engen Familienkreis ist es oft kein leichtes Unterfangen und braucht Zeit und Geschick, um andere Formen der Aufgabenteilung und generationenübergreifendes Verständnis dafür zu finden. Um ein verändertes Rollenbewusstsein in der Gesellschaft möglich zu machen, müssen früh in der Familie und im Unterricht die Weichen gestellt werden. Wertvorstellungen und Verhaltensmuster, die in der Erziehung geprägt wurden, bleiben tief verwurzelt. Manchmal ist das Thema der Gleichstellung mehr ein Ärgernis als eine Freude. Dennoch birgt das Thema die grosse Chance in sich, eine gesellschaftliche Neuorientierung mitzugestalten.