Die Bildungsabschlüsse von Männern und Frauen haben sich in den letzten Jahren angeglichen. Trotzdem bestehen bei der Berufs- und Studienwahl nach wie vor grosse Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Zu diesem Schluss kommen die Forschenden des Nationalen Forschungsprogramms zur Gleichstellung der Geschlechter (NFP 60).
Weshalb ergreifen deutlich weniger Mädchen als Knaben eine Ausbildung in der Technik? Besitzen die Mädchen weniger technisches Talent? Werden sie durch herkömmliche Rollenbilder zu stark geprägt? Werden sie weniger gefördert? Wirkt die Männerdomäne Technik abschreckend auf die Mädchen?

Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
Studien zeigen, dass Mädchen, die einen geschlechtsuntypischen Beruf wählen, eine höhere Leistungsfähigkeit haben als ihre Kolleginnen in geschlechtstypischen oder neutralen Berufen. Sie weisen insbesondere etwas bessere Mathematikleistungen auf. Und ganz überdurchschnittlich ist ihre Selbstwirksamkeit, das heisst ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, etwas erreichen zu können und selbst schwierige Herausforderungen zu meistern. Verschiedene Studien zeigen ausserdem, dass die Mädchen ihre eigenen Leistungen – oft zu Unrecht – tiefer einschätzen als Knaben. Mädchen müssen deshalb in ihren technischen Fähigkeiten intensiver bestärkt werden als Knaben, damit sie an ihr Talent glauben.

Erfolgserlebnisse ermöglichen
Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen frühem Umgang mit Technik und der späteren Berufswahl. Technisch interessierte Schülerinnen und Schüler haben sich in der Kindheit häufiger mit technischen Dingen beschäftigt als uninteressierte. Es geht also darum, die Mädchen schon früh an Naturwissenschaften und Technik heranzuführen und sie mittels Erfolgserlebnissen immer wieder erfahren zu lassen, dass sie in diesen Bereichen talentiert sind. Und weil Technik in der Schweiz nach wie vor eine Männerdomäne ist, sind es insbesondere die Väter, die ihre Töchter aus der Puppenecke herauslocken und an die Technik heranführen können.Auch die Schule könnte für das Technik­interesse der Mädchen mehr tun, zum Beispiel den naturwissenschaftlichen Unterricht mädchengerechter gestalten und neben naturwissenschaftlichen Fächern und Mathematik auch Informatik und Technik in den Unterricht einbauen. Solche Massnahmen sind nicht nur im Hinblick auf den Fachkräftemangel im technischen Bereich nötig, sie vertiefen auch die Gesellschaftsreife der Schülerinnen und Schüler – ob als Konsument/in, Stimmbürger/in, Eltern oder Berufstätige.

 

«Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen frühem Umgang mit Technik und der späteren Berufswahl.»

Bestätigung durch Umfeld
Die Forschenden des NFP 60 empfehlen Eltern und Schulen aller Stufen, darauf hinzuwirken, dass berufliche Laufbahnentscheidungen nicht von Rollenbildern, sondern von persönlichen Interessen geleitet werden. Eltern und Schule sollten Mädchen und Knaben ermutigen, ihre Interessen für Spielsachen, Sportarten, Freizeitbeschäftigungen, Schulfächer, Studiengänge und Berufe zu verfolgen, auch wenn sie als geschlechtsuntypisch gelten.Mein Vater hat mich beispielsweise schon früh auf Baustellen mitgenommen, um ihm beim Ausmessen der Spenglerarbeiten auf den Dächern zu helfen. Später durfte ich in der Werkstatt zusammen mit den Lernenden Weihnachtsgeschenke «spenglern». Ganz selbstverständlich nahm mich mein Vater zum Rekognoszieren fürs Militär mit, so dass ich bereits als junges Mädchen Karten lesen und Schweizer Geografie lernte. Während den Ferien wurde die Treppe zum Trassee für eine Standseilbahn und auch in der Pfadi unterstützte mich mein Vater beim Bauen einer Seilbrücke. Und immer vermittelte er mir, wie stolz er auf mein Interesse und mein Können war. Die Berufsfindung ist kein punktueller Prozess, sondern das Ergebnis einer langjährigen Sozialisierung und dem Sammeln von Erfahrungen. Deshalb, liebe Eltern, Lehrpersonen, Betreuende und Berufsberatende: Lasst die Mädchen ihr Talent erkennen und weiter entwickeln! Und liebe Mädchen und junge Frauen: Lasst euch durch klassische Rollenbilder nicht beirren. Ihr könnt «es»!