Aniela Unguresan
Mitbegründerin, Stiftung EDGE Certified

Heute lautet die Frage: «Wie können wir die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz sicherstellen?»

Der Hauptfaktor für die grundlegende Verschiebung vom «Warum» zum «Wie» ist, dass Frauen nicht mehr als ‹Randgruppe› wahrgenommen, sondern als DER Markt der Zukunft anerkannt werden: Sie repräsentieren schon heute weltweit die Hälfte aller Hochschulabsolventen und mit einem projizierten Gesamteinkommen, das 2014 grösser sein wird als das BIP von Indien und China zusammen, auch den grössten aller Wachstumsmärkte. Unternehmen müssen also verstärkt Möglichkeiten finden, um frauenspezifische Fähigkeiten zu nutzen, und auf deren konkrete Vorlieben und Bedürfnisse als Arbeitnehmerinnen, Investorinnen und Konsumentinnen eingehen.

Es überrascht daher nicht, dass fortschrittliche Unternehmen heute gezielt in die Entwicklung und Einbindung von weiblichen Mitarbeiterinnen und Führungskräften investieren. Ein glaubwürdiges Engagement und sichtbare Fortschritte bei der Gleichberechtigung am Arbeitsplatz sendet ein positives Signal an Mitarbeiter, Arbeitssuchende, Investoren und Kunden. Und genau hier setzt die EDGE-Zertifizierung an.
EDGE – die Abkürzung steht für ‹Economic Dividends for Gender Equality›, also wirtschaftlichen Erfolg durch die Gleichstellung der Geschlechter – ist die einzige globale Zertifizierung in diesem Bereich, welche Auskunft über den Zustand der Gleichberechtigung in einer Firma gibt, und das unabhängig von Industrie und kulturellem Kontext.

Abgesehen von der Lohngleichheit werden sowohl die Gleichberechtigung bei der Rekrutierung und Beförderung als auch die Entwicklung und Weiterbildung von weiblichen Führungskräften sowie die Flexibilität der Arbeits- und Unternehmenskultur beurteilt. Die Zertifizierung misst und bewertet die Bemühungen der Firmen in jedem dieser Bereiche, zum Beispiel den Zugang zu karriererelevanten Aufgaben, Mentoring und Förderung, die Einschätzung von geschlechtsspezifischen Lohngefällen, flexible Arbeitszeitmodelle, Elternurlaub, die Unterstützung bei der Kinderbetreuung und die strategische Prioritätensetzung der Unternehmensleitung hinsichtlich geschlechterspezifischer Themen.

«In unserer Arbeit mit multinationalen Unternehmen in 20 Ländern und 11 verschiedenen Branchen war die interessanteste Erkenntnis, dass das Messen wirklich der erste und entscheidende Schritt hin zur Veränderung ist», sagt Aniela Unguresan, die Mitgründerin von EDGE Certified.
Zertifizierte Unternehmen zeichnen sich bei der Schliessung der Kluft zwischen den Geschlechtern durch eine systematische und strukturierte Vorgehensweise aus. Sie verpflichten sich, das eigene Humankapital besser zu nutzen, indem sie weibliche und männliche Talente anziehen, entwickeln, motivieren und an die Firma zu binden wissen. Und in letzter Konsequenz schaffen sie eine modernere, dynamischere Unternehmenskultur und -marke mit mehr Chancengleichheit, Flexibilität und Nachhaltigkeit.

«Gleichberechtigung ist der richtige und einzige Weg! Oft sind geschlechtsspezifische Unterschiede, zum Beispiel bei der Einstellung oder Beförderung von weiblichen Arbeitskräften, das Ergebnis einer unbeabsichtigten und oft unbemerkten Neigung, Entscheidungen eher auf Basis von Stereotypen als individueller Leistung zu treffen. Solche Neigungen sind zu identifizieren und zu quantifizieren und damit gezielt zu adressieren», sagt Professor Iris Bohnet, Studiendekanin der zur Harvard Universität gehörenden Kennedy School of Government und Direktorin des dort angesiedelten Frauen- und Public-Policy-Programms.

Die Schweiz zählt bis heute drei EDGE zertifizierte Unternehmen: Deloitte, Ikea und Lombard Odier & Cie. Sie sind Teil einer weitaus grösseren Gruppe von über 50 internationalen Unternehmen, die sich alle für mehr Gleichberechtigung entschlossen haben.