Ich treffe Annika Portmann zwei Stunden vor dem Start des Swiss-Fluges LX 1250 von Zürich nach Stockholm im Operation Center am Flughafen Zürich. Hier planen sie und Kapitän Oliver Buchhofer den Flug. «Wir entscheiden, wie viel Kerosin wir mitnehmen, schauen uns die Wetterbedingungen an und orientieren uns über Besonderheiten wie gesperrte Lufträume oder Baustellen auf den Rollfeldern», erklärt Portmann. Später treffen Kopilotin und Kapitän zur Flugbesprechung auf die Kabinenbesatzung. Alle duzen sich und man fühlt sich sofort dazugehörig. «Es herrscht eine gute Stimmung unter den Piloten und Flugbegleitern. Wir sind ein super Team», bestätigt Annika Portmann meinen Eindruck.  Dies rühre auch daher, dass die Besatzungen für jeden Flug neu zusammengestellt werden. Annika Portmann steuert das Flugzeug heute auf dem Hinflug. Zu ihrer Aufgabe gehört es deshalb auch, in Zürich vor dem Abflug den Aussencheck vorzunehmen und die Maschine auf sichtbare Schäden zu untersuchen. «Sicherheit steht immer an erster Stelle», betont sie. Im Cockpit werden die Bordcomputer programmiert und das Verhalten bei besonderen Vorkommnissen wie etwa dem Ausfall eines Triebwerks während des Starts besprochen. Dann geht es los – auf nach Stockholm.

«Für mich ist es der schönste Beruf der Welt»

Später, hoch über den Wolken, sagt die Pilotin: «Die Weite und das Gefühl von Freiheit über den Wolken ist bei jedem Flug wieder aufs Neue beeindruckend. Zudem habe ich immer blauen Himmel und Sonnenschein – auch bei strömendem Regen, wie heute.»  Die Faszination fürs Fliegen hat Annika Portmann schon, seit sie denken kann. Zielstrebig verfolgte sie ihren Traum und absolvierte während der Matur einen zweiwöchigen Vorkurs der Schweizer Luftwaffe. Nach der Matur meldete sie sich sofort für die Pilotenselektion von Swiss an, welche vier bis sechs Monate dauert. Der Weg ins Cockpit beginnt mit einem mehrstufigen Auswahlverfahren, bei dem Belastung, Konzentration, mathematische und technische Fähigkeiten der Bewerberinnen und Bewerber geprüft werden. «Dies sind alles wichtige Eigenschaften fürs Fliegen. Denn wir müssen in jeder Situation einen kühlen Kopf bewahren und auch in unvorhergesehenen Situationen richtig handeln können», sagt die Pilotin. Im Februar 2012 begann Portmann schliesslich die Ausbildung, welche sie im Oktober 2014 beendete.  Die Ausbildung besteht aus Theorieblöcken, Trainings im Simulator und Flugphasen.

Keine Nachteile

«Eines der Highlights während der Ausbildung war sicherlich der dreimonatige Aufenthalt in Florida, wo sowohl das Fliegen nach Sicht als auch der Instrumentenflug trainiert wurden», so Portmann. Die Freude am Fliegen merkt man Annika Portmann in jedem Moment an. «Das Gefühl, als ich die Pilotenprüfung geschafft hatte, war unbeschreiblich. Für mich ist es der schönste Beruf der Welt und ich finde es schade, dass  sich nur wenige Frauen zutrauen, Pilotin zu werden.» Tatsächlich stehen aktuell den rund 1300 männlichen Piloten bei Swiss nur 59 Pilotinnen gegenüber; in ihrer Klasse war sie die einzige Frau. «Ich glaube, dass die Hemmschwelle für technische Berufe für viele Frauen noch immer zu hoch ist.»  Für Annika Portmann völlig zu Unrecht.«Natürlich sind technische Grundlagen ein wesentlicher Bestandteil unseres Berufs. Doch es gibt keinen Grund, weshalb Frauen dafür weniger geeignet sein sollen. Zudem hat unser Beruf so viele spannende Aspekte, und die Technik ist nur einer davon.» Auch mit einer Familie lässt sich der Beruf gut verbinden, da verschiedene Teilzeitmodelle existieren. Viele Pilotinnen nutzen diese Möglichkeit. Und Nachteile am Job? Annika Portmann denkt kurz nach und kommt dann zum Schluss: «Nein, für mich persönlich gibt es keine!»