Daniel Pulver, wie begegnet man blinden und sehbehinderten Menschen, beispielsweise auf der Strasse?
So wie jedem anderen Menschen auch. Falls Sie den Eindruck haben, dass die Person Hilfe braucht, können Sie diese höflich anbieten.

Wie setzt sich der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband SBV für die Interessen seiner Mitglieder ein?
Wir setzen uns nicht nur für die Interessen unserer Mitglieder, sondern für die aller Menschen mit einer Sehbehinderung ein. Wir haben Beratungsstellen im ganzen Land und bieten Schulungen an, etwa im Umgang mit dem weis­sen Stock. Die generelle Zugänglichkeit ist eigentlich im Gleichstellungsgesetz für Behinderte vorgeschrieben, wird aber nicht überall umgesetzt. Dafür setzen wir uns täglich ein, sei dies im öffentlichen Raum, im öffentlichen Verkehr, in den Bereichen Informatik, Internet, Kultur und Sport. Bei uns fehlt die Selbstverständlichkeit, mit der man etwa in den USA  Menschen mit einer Behinderung begegnet. Punkto Erleichterungen im Alltag ist das Potenzial in der Schweiz bei Weitem noch nicht ausgeschöpft.

Und das, obwohl sich blinde und sehbehinderte Menschen bereits vor 100 Jahren zu organisieren begannen.
Das stimmt. Der SBV feiert 2011 sein 100-jähriges Bestehen. Am Anfang stand der Austausch untereinander im Vordergrund. Bald einmal kam dann das politische Engagement dazu. Heute zählen wir rund 4600 Mitglieder und gehören, wie andere, kleinere Organisationen zum Dachverband, dem Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen SZB.

Derzeit sorgt die 6. IV-­Revision für viel Widerstand bei den ­Behindertenorganisationen.
Sie ist nicht nur für Menschen mit einer Sehbehinderung ein Ärgernis, sondern für alle Behinderten. Wir zeigen uns solidarisch mit allen Betroffenen. Wir müssen als Einheit auftreten, wenn wir uns dagegen wehren wollen, dass ausgerechnet auf dem Buckel von Menschen mit einem Handicap gespart werden soll. Das zweite Paket sieht Rentenkürzungen vor, aber keine zusätzlichen Finanzierungen. Die Revision will Behinderte zurück ins Berufsleben führen, nimmt aber die Arbeitgeber nicht in die Pflicht.

Was tun Sie dagegen?
Wir warten die politischen Diskussionen ab. Gegebenenfalls schliessen die Behindertenorganisationen ein gemeinsames Referendum nicht aus.

Ist es überhaupt möglich, visuell eingeschränkte Menschen in der Berufswelt zu integrieren?
Selbstverständlich! Ich bin selber sehbehindert, wir haben auch blinde Führungskräfte beim SBV. Blinde können zwar nicht Grafiker werden. Aber mit Hilfsmittel können Sehbehinderte kaufmännisch und handwerklich mehr tun, als viele für möglich halten. Wir brauchen Lesegeräte oder Sprachausgabe- und Schriftvergrösserungs-Programme am Computer, die Zugänglichkeit von Internetseiten. Sehbehinderte Kinder besuchen heute sehr oft eine Regelschule und lernen elektronisch statt wie früher nur mit der ­Braille-Schrift.

Wie gestalten Menschen mit einer Sehbehinderung ihre ­Freizeit?
Ähnlich wie Menschen ohne Sehbehinderung. Auch wir nutzen das Fernsehen, das uns mit Untertitelungen und akustischen Beschreibungen unterstützt. Kino, Theater und Reisen vermitteln nicht nur optische Abwechslung. Behindertensport ist ein wichtiger Faktor, wie die Paralympics beweisen. Klar soll kein Blinder das Leben von Helfern gefährden, indem er den Mount Everest besteigen will. Aber ein Tandemflug mit dem Gleitschirm liegt durchaus drin. Wir sollten uns nicht auf das konzentrieren, was wir nicht können, sondern ausüben, was wir können.