Auch im 21. Jahrhundert entscheiden sich nur wenige Jungen für einen Beruf im Pflege- oder Erziehungsbereich, handkehrum interessieren sich nur wenige Mädchen für eine Tätigkeit in der Technikbranche als typischer Männerdomäne. Erfreulicherweise verbessert sich die Lage – zwar langsam aber stetig. So hat die Zahl der weiblichen Studierenden der MINT-Fächer zugenommen und überschritt 2013 die 30-Prozent-Schwelle. Aus Sicht der Gleichstellung, aber auch was die Bedürfnisse der Wirtschaft nach Fachkräften anbelangt, ist die Situation jedoch noch alles andere als befriedigend.

Orientierung an Rollenbild?

Nach wie vor orientieren sich viele Frauen und Männer bei der Ausbildungs- und Berufswahl an traditionellen Rollenbildern. Studien haben gezeigt, dass Mädchen, trotz vergleichbaren Noten in Mathematik, eher an ihren Fähigkeiten zweifeln als Jungen. Darüber hinaus fühlen sie sich durch ihr Umfeld weniger ermutigt, einen technischen Ausbildungsweg einzuschlagen. Diejenigen, die trotzdem den Schritt in die Technik-Branche wagen, schrecken bisweilen vor der dort herrschenden männlichen Monokultur zurück.

Stereotyp

Ausserdem trägt das vorherrschende Vorurteil einer schier unmöglichen Vereinbarkeit von Beruf und Familie das Seinige zu einem Fortbestehen typischer Frauen- und Männerberufe bei. Dabei ist die Herausforderung, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen, im Technikbereich nicht unbedingt schwieriger zu meistern als beispielsweise im Gesundheitswesen.Berufsstereotypen müssen daher genauso hinterfragt werden wie Geschlechterstereotypen. Denn heute ist die Vielfalt an Ausbildungen und Abschlüssen gross und die beruflichen Möglichkeiten vielseitig. Zudem werden auch im MINT-Bereich die Werte Kooperation, Teamarbeit und Kundenorientierung – welche als typisch weibliche Fähigkeiten und Vorlieben gelten – immer wichtiger.

Vielfalt der Berufswelt

Die Arbeit im Informatikbereich beinhaltet meist die Suche nach technischen Lösungen für menschliche Bedürfnisse. Es geht also auch hier um eine soziale Zweckbestimmung. Einen Beweis dafür liefert die Medizin, die zwar immer technischer wird, aber hauptsächlich als Dienst am Menschen wahrgenommen wird. Und stetig mehr und mehr junge Frauen anzieht. Damit mehr Mädchen später Informatikerinnen, Polymechanikerinnen und Maschinenbauingenieurinnen werden, sollen die Kinder zu Hause und in der Schule bereits von klein auf an die Technik herangeführt werden. Das eidgenössische Gleichstellungsbüro unterstützt Projekte finanziell, welche die Förderung der Gleichstellung im Erwerbsleben zum Ziel haben. So will beispielsweise das Projekt «explore-it» die Begeisterung der Mädchen und der auf Primarstufe meist weiblichen Lehrpersonen für die Technik wecken. Anlässlich des „Zukunfttags“ begleiten Jahr für Jahr tausende Kinder ihre Eltern an deren Arbeitsplatz und entdecken dabei die Vielfalt der Berufswelt. Einzelne Berufsschulen haben Mentoring-Massnahmen entwickelt, gewisse Unternehmen beteiligen sich aktiv an Sensibilisierungskampagnen. Und Letztere schaffen mehr und mehr Massnahmen zur Vereinbarkeit. Seit 2012 bemüht sich auch der Bund, die Frauenanteile in den MINT-Fächern zu erhöhen. So hat der Bundesrat das Ziel einer Erhöhung des Frauenanteils in den MINT-Fächern in die Legislaturplanung 2011–2015 aufgenommen.

Auf dem richtigen Weg

Einmal mehr: Warum? Ganz einfach weil es wichtig ist, dass sich Mädchen und Jungen der Tätigkeit zuwenden können, die ihren Interessen und ihren Fähigkeiten am besten entspricht. Weil es wichtig ist, dass Frauen und Männer über eine echte Wahlfreiheit verfügen und über ihre berufliche Zukunft frei von kulturellen Stereotypen entscheiden können. Ganz einfach weil sich die Schweiz so viele verlorene Talente und brachliegendes Potenzial nicht leisten kann. Weil eine ausgewogene Durchmischung der Geschlechter in allen Bereichen und auf allen Verantwortungsebenen ein zentraler Faktor für eine gute Leistungsfähigkeit eines Unternehmens ist. Durchmischung ist ein Teil der Lösung für die demografischen Herausforderungen und die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz im 21. Jahrhundert. Das ist kein Problem, sondern eine Chance. Ganz einfach.