Ein Forschungsprojekt der Fachhochschule Ostschweiz (FHO) untersuchte, weshalb sich junge Menschen für sogenannte «geschlechtsuntypische» Berufe und Studienrichtungen entscheiden. «Zwar gibt es auch andere Einflüsse und das erweiterte familiäre Umfeld sowie Freunde und Lehrer können Vorbildfunktionen einnehmen, doch das Projekt wollte speziell die Zusammenhänge zwischen der Berufs- und Studienwahl der Kinder und dem Einfluss der Eltern ausarbeiten», präzisiert Ursula Graf, Co-Projektleiterin am Institut für Gender und Diversity IGD-FHO. Es zeigte sich: Väter fungieren als deutlich exklusivere Akteure in dieser Frage. Sie machen Druck, stos­sen an oder bieten Orientierung und Vorbildrollen.

Orientierungslosigkeit
Junge Frauen in geschlechtsuntypischen Studiengängen zeigten längere Phasen der Orientierungslosigkeit in der Berufs- und Studienwahl. Gute Noten in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern werden selten als Indikator für die eigenen Fähigkeiten und Interessen wahrgenommen. Selbst Lehrkräfte legen guten Schülerinnen noch heute häufig Ausbildungen im sprachlichen oder künstlerischen Bereich nahe. Auch findet die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit in diesem Alter oft über einen Vergleich mit Freundinnen statt. Geschlechtsspezifische Rollenverteilungen scheinen die eigenen Fähigkeiten und Wünsche noch immer zu übertreffen. Offenbar befinden sich diese jungen Frauen in einem ähnlichen Dilemma wie ihre Mütter und entfalten wenige Bezüge zur eigenen Selbstwirksamkeit – das zu ändern, ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe.

Umgang mit Widerständen
Sowohl Frauen als auch Männer müssen sich mit Widerständen auseinandersetzen. Doch scheint sich der Umgang damit geschlechtsspezifisch zu unterscheiden. «Es ist nötig, sich mit jungen Frauen ausreichend Zeit zu nehmen und ihre eigenen Ideen, Fähigkeiten und Lebensentwürfe sichtbar zu machen», sagt Graf. Den Blick auf die Lebenssituation und Themen wie Anerkennung, Selbstwert und Selbstwirksamkeit gelte es noch mehr auszuschöpfen. Auch in Laufbahnberatungen und an Anlässen für Studieninteressierte sollten junge Menschen auf ihre Erfahrungen mit Geschlechterrollen angesprochen werden und über erlebbare Anerkennung – beispielsweise über das Schnuppern nicht nur in Berufen, sondern auch in den Studienrichtungen – kontinuierlich zum Eigenen ermutigt werden. «Die Berufswahl ist in hohem Masse gesellschaftlich geprägt. Damit Jugendliche ihre Entscheidungsmöglichkeiten erweitern und sich mehr für geschlechtsuntypische Berufe entscheiden können, braucht es ein Umdenken in Bezug auf die gängigen Rollen- und Geschlechterbilder. Ebenso wichtig sind Veränderungen der Rahmenbedingungen wie etwa bei der Entlohnung der Gesundheits- und Sozialberufe, der Schaffung von Lebensarbeitszeitmodellen oder der Einrichtung von Teilzeitstellen für Hochqualifizierte in Technik- und Ingenieurberufen. Ansonsten wird sich die Segregation der Berufsfelder entlang der Geschlechtergrenzen wohl noch hartnäckig halten», betont Graf.