Helena Trachsel
Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann des Kantons Zürich

Zudem sollen Menschen Möglichkeiten zur Weiterbildung kriegen und nicht etwa tagein, tagaus jahrzehntelang die gleiche Fliessbandarbeit ausführen müssen, ohne vorwärts zu kommen. Ich möchte auf ein paar Punkte eingehen, die mir beim Diversity Management wichtig sind.
Erstens: Leider ist es heute noch ein Problem für den Arbeitgeber, wenn ein Mitarbeiter vom Vollzeitpensum auf achtzig Prozent zurückschrauben möchte. Ich wünsche mir da mehr Verständnis vom Arbeitgeber. Der Arbeitnehmer – ob Mann oder Frau – sollte in Rücksicht auf die Karriere seines Partners beruflich mal einen Gang zurückschalten dürfen, ohne dass er dabei riskiert, seinen Job zu verlieren. Dies sollte nicht nur im Alter sein, in dem die Frau Kinder kriegt. Es könnte auch sein, dass ein 55-jähriger Mann auf sechzig oder achtzig Prozent herunterfahren möchte. Mein Ziel ist es, dass der Arbeitgeber einwilligt, weil er auf die Teilzeitarbeit des guten Arbeitnehmers nicht verzichten möchte.

Ballettänzer = schwul
Zweitens: Künftig soll ein Mann Balletttänzer werden können, ohne als schwul abgestempelt zu werden. Er soll sich bedenkenlos sagen: «Das macht mir Spass, ich habe Talent, ich tanze Ballett.» Davon sind wir noch weit weg. Die gängigen Vorstellungen, wie ein Mann oder eine Frau sein sollte, sind tief in uns verankert. Aber steter Tropfen höhlt den Stein – mit viel Geduld und Durchhaltevermögen will ich diese Denkart auflösen. Der Mädchentag an der ETH oder Swissmechanic etwa machen ein Programm für junge Frauen. Gesucht sind beispielsweise Ingenieurinnen.
Drittens: Lohngleichheit. Liebe Frauen, ihr macht eure Hausaufgaben nicht gut. Wir Frauen fordern gleiche Löhne wie die der Männer. Aber wir stellen uns schlecht an. Gehen ungenügend vorbereitet ins Bewerbungsgespräch, sind zu wenig mutig, uns schlau zu machen, wie viel die Kolleginnen verdienen. Wer dann hingegen gut vorbereitet ist, muss aber letztlich im Vorstellungsgespräch auch klare Forderungen aussprechen. Auf den Tisch mit euren Forderungen! Sagt deutlich: «Ich erwarte 80 000 Franken Jahressalär.» Und nicht etwa: «Ich weiss es nicht so genau.» Oder: «Ich möchte lieber nichts sagen. Ich habe Angst, dass ich dann zu viel verlange.» Danach wundert ihr euch, dass ihr ein eher tiefes Angebot erhaltet – selber schuld! Fragt doch mal eure männlichen Kollegen, wie viel Geld sie verlangen würden. Später zu jammern, dass man 17 Prozent weniger verdient als der Mann im Team, das ist schwach.

Selbstsicher, forsch, deutlich
Natürlich weiss ich, dass der Lohn hierzulande noch immer ein Tabuthema ist. Darüber spricht man nicht. Es gilt als plump, stillos, aufgeblasen. Aber jeder sollte einfach wissen: Der Ausländer, der sich für einen Job bewirbt, der spricht geradeaus über seine Lohnvorstellungen. Selbstsicher, forsch, deutlich. Das macht einen starken Eindruck. Wenn ein Schweizer das tun möchte, braucht es Pioniergeist und Mut. Doch es lohnt sich. Der Arbeitgeber kann auf eine 90 000er-Forderung locker antworten: «Wir stellen uns ein bisschen weniger vor. Würden Sie den Job auch für 80 000 Franken annehmen?»

«Die gängigen Vorstellungen, wie ein Mann oder eine Frau sein sollte, sind tief in uns verankert.»


Als Bewerbender muss man wohl ein wenig abwägen und sein Gegenüber richtig einschätzen. Liegt forsches Auftreten drin? Oder doch lieber die schweizerisch bescheidene Variante? Am besten googelt man die Person und das Unternehmen schon im Vorfeld des Gesprächs und legt sich eine Strategie zurecht. Ich bin aber sicher, dass talentierte Leute beim heutigen Mangel an guten Arbeitskräften eine echte Chance haben, wenn sie sich offensiv im Gespräch zeigen, weil die Unternehmen langfristig gute Mitarbeiter an sich binden wollen.

Ein Lob an KMU
Viertens: Mein letzter Punkt, den ich ansprechen möchte, ist die Akzeptanz von Menschen mit Behinderung im Unternehmen. Wie Menschen ohne Behinderung sind auch behinderte Menschen urteilsfähig und ernst zu nehmende Personen, die Verantwortung übernehmen können. Ich möchte hierbei aber nicht nur kritisieren, sondern auch loben. KMU leisten in der Schweiz ziemlich viel, um Behinderte zu integrieren. Aber auch grosse Firmen schauen zumindest darauf, dass sie die Angestellten, die krank oder behindert werden, weiterhin beschäftigen können.

Allerdings werden bei grossen, internationalen Unternehmungen kaum je behinderte Menschen eingestellt. Das ist bitter. Denn wer mal draussen ist, kommt in schlechter gesundheitlicher Verfassung kaum mehr in die Arbeitswelt rein. Hier stehen die Arbeitgeber in der Pflicht. Ganz klar: Zuerst zahlt sich diese Investition nicht aus. Aber welche Investition tut das schon von Beginn weg? Später allerdings kann der behinderte Mensch eine grosse Bereicherung sein, weil er einerseits seine Aufgabe ausserordentlich verantwortungsvoll erledigt, da er sehr dankbar für die Chance ist, und anderseits ist er menschlich ein Plusfaktor für jedes Team.