Streben Frauen weniger nach Karriere als Männer?

Nein, das lässt sich so pauschal nicht sagen. Frauen und Männer haben andere Biographien und Lebensplanungen. Viele Frauen möchten sich beispielsweise gezielt eine Auszeit nehmen für die Familie. Diese Time-outs sind bei Männern weniger verbreitet. Aktuelle Umfragen, etwa die von Pro Familia, zeigen jedoch, dass auch die Männer in Zukunft mehr Verantwortung in der Familie übernehmen möchten und dass auch bei ihnen der Wunsch nach Teilzeitangeboten und flexiblen Arbeitsformen steigt.

Weshalb sind Frauen in der heutigen Wirtschaftswelt nach wie vor untervertreten?

Ein wichtiges Element spielen hier die gesellschaftlich akzeptierten und gelebten Rollenbilder. Für die Generation unserer Eltern war es noch selbstverständlich, dass die Frau primär für die Familienbetreuung da ist, während der Mann das Einkommen sicherstellt. Diese unterschiedlichen Rollenbilder führten in der Vergangenheit auch dazu, dass Männer und Frauen ganz unterschiedliche Bildungswege absolviert haben. Bereits die darauffolgende Generation ist neuen Modellen gegenüber viel aufgeschlossener; der Ausbildungsweg wird heute praktisch geschlechtsunabhängig gewählt. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Arbeits- und Führungskultur.

Wie sinnvoll sind verbindliche Frauenquoten in Führungsetagen?

Ich persönlich bin gegen Frauenquoten, weil sie die Symptome statt die Ursachen bekämpfen. Wir müssen vielmehr Rahmenbedingungen schaffen, die es Frauen und Männern gleichermassen ermöglichen, Verantwortung im Berufs- und Familienleben zu übernehmen. Für mich spielen in dieser Diskussion flexible Arbeitsformen eine zentrale Rolle. Sie ermöglichen es, private und berufliche Ziele besser zu vereinbaren. Wir haben viele junge Eltern bei uns, die ihren Tag so planen, dass sie möglichst viel Alltag mit ihren Kindern teilen können. Das bedeutet, dass die physische Zeit im Büro etwas kürzer wird, dass dafür aber ein Teil der Arbeit beispielswiese dann stattfindet, wenn die Kinder im Bett sind. Nicht jeder Person liegt diese hybride Arbeitsgestaltung und das Verwischen der Grenze zwischen Berufs- und Privatleben. Es ist jedoch unbestritten, dass heute Familie und Karriere gut kombinierbar sind. Bei Microsoft kamen in den letzten Jahren alle Mütter nach der Niederkunft zurück in den Job. Das stimmt mich zuversichtlich, dass diese Modelle auch wirklich funktionieren.

Was muss getan werden, damit sich Familie und Karriere für Frauen besser vereinbaren lassen?

Nebst den bereits erwähnten flexiblen Arbeitsformen ist es wichtig, dass die Führungskräfte auf das Thema «Diversity» geschult werden. Frauen und Männer kommunizieren beispielsweise anders, wenn es um die Einschätzung der eigenen Leistung oder um die persönlichen Karriereziele geht. Wenn das einer Führungsperson bewusst ist, kann sie Unklarheiten gezielt ansprechen und Missverständnisse vermeiden.

Ihre Philosophie beinhaltet auch die Förderung flexibler Arbeitsformen. Wie können diese konkret aussehen?

Flexible Arbeitsformen heisst, dass die Mitarbeiter über klare Zielvereinbarungen geführt werden, die Art und Weise, wie diese Ziele angegangen werden, aber dem Mitarbeiter überlassen werden. Die Wahl von Arbeitszeit und -ort spielt dabei eine wichtige Rolle. Stress im Alltag wird oft nicht durch das absolute Arbeitsvolumen verursacht, sondern dadurch, dass die wichtigsten privaten und geschäftlichen Termine zwischen 8.00 und 18.00 Uhr stattfinden. Dank flexiblen Arbeitsformen kann man beispielsweise tagsüber mit dem Kind zum Arzt, dafür findet ein Teil der Arbeit ausserhalb der klassischen Bürozeiten statt. Die meisten Mitarbeiter bestätigen, dass diese Flexibilität stressmindernd wirkt, auch wenn das Arbeitsvolumen gleich bleibt.

Welche Anforderungen stellen flexible Arbeitsformen an Führungsverantwortliche?

Führungskräfte brauchen einen viel differenzierteren Führungsstil. Wenn man es seinen Mitarbeitern ermöglicht, dass sie individuell und autonom planen können, erhöht das die Komplexität der Teamführung Das ist nichts Schlechtes per se, aber man muss das gezielt berücksichtigen im Alltag und in der Planung. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die persönliche «Medienkompetenz». Sowohl als Manager als auch als Mitarbeiter muss ich wissen, wie ich auch virtuell erfolgreich mit Kollegen zusammenarbeiten kann und für welche Art von Aufgaben es auch weiterhin die physische und synchrone Zusammenarbeit braucht.