Gibt es dieses Rollenbild zwischen Mann und Frau trotz moderner Partnerschaftsmodelle auch heute noch?

Tatsächlich hat sich in diesem Rollenverständnis bei uns in der Schweiz noch nicht viel verändert. Das hat verschiedene Gründe. Einerseits ist die Schweiz ein von Traditionen geprägtes Land. Auch die Lohnungleichheit ist ein Thema.

Andererseits ist unser Schulsystem noch weitgehend nicht auf eine Tagesbetreuung ausgerichtet. Auch sind viele Arbeitgeber wenig flexibel, wenn es um Teilzeitmodelle und Homeoffice-Tage für ihre Mitarbeitenden geht. Die Generation, die solche Arbeitsmodelle fordert, ist jetzt erst am Heranwachsen.

Folgt auf das erste Kind das zweite, ist eine Frau rasch einmal sechs Jahre oder länger weg vom Beruf. Wie sollte man sich darauf vorbereiten?

Primär braucht es natürlich das Gespräch in der Partnerschaft, wie die Erziehung und Betreuung der Kinder erfolgen soll. Übernimmt die Frau die Betreuungsfunktion, ist es wichtig, sich neben Kinderthemen auch weiterhin für das eigene Fachgebiet oder die Branche zu interessieren, Kontakte aufrechtzuerhalten, vielleicht sogar eine Weiterbildung anzustreben.

Wir empfehlen Frauen, wenn immer möglich, mit einem Bein in der Berufstätigkeit zu bleiben. Auch ein stufenweiser Wiedereinstieg – stundenweise oder halbtags – ist sinnvoll.

Betroffen sind nicht nur Frauen. Macht ein Mann Babypause, kann dies rasch zum Karrierekiller werden. Was tun?

Es ist in der Tat so, dass ein Mann, der sich für eine gewisse Zeit für die Kinderbetreuung einsetzt, Gefahr läuft, für neue Projekte und Beförderungen nicht mehr attraktiv genug zu sein. Das ist sehr schade.

Denn während einer zeitlich befristeten Abwesenheit entwickelt der Elternteil – egal ob Mann oder Frau – Kompetenzen und Fähigkeiten, die in jedem Betrieb gefragt sind. Oftmals liegt es an der Kultur eines Arbeitgebers, ob und wieweit Elternzeiten, Teilzeit oder Auszeiten ohne Karriereknick realisiert werden können.

In KMU-Betrieben bestehen vielfach weniger Hierarchiestufen, was flexible Arbeitsmodelle eher möglich macht. Skandinavische Länder sind da mehr als einen Schritt weiter.

Wie packt eine Wiedereinsteigerin ihre zweite Karriere am besten an?

Jede Wiedereinsteigerin muss selber aktiv werden oder noch besser während der ganzen Zeit aktiv bleiben. Netzwerke – berufliche und private – wollen gepflegt werden.

Es ist immer noch eine Tatsache, dass weit mehr als die Hälfte aller Jobs nicht offiziell ausgeschrieben werden und über Netzwerke intern neu besetzt werden. Dazu muss man sich ins Gespräch bringen, an Anlässen zeigen, ohne Scheu und mit Selbstbewusstsein auf mögliche Schlüsselpersonen zugehen.

Ganz besonders wichtig ist in meinen Augen, dass die Wiedereinsteigerin nicht ihre jüngeren Arbeitskollegen, mit aktueller Ausbildung, als Konkurrenz sieht, sondern mit ihrem Wissen und ihrer Lebens- und Berufserfahrung auftritt.

Kann ein Berufswechsel oder die Selbstständigkeit eine Chance sein?

Ein Berufswechsel macht die Situation in der Regel noch schwieriger. Das gilt auch für Quereinstiege. Hier läuft man Gefahr, sich zu weit unten anzusiedeln und nie mehr auch nur ansatzweise in eine verantwortungsvolle Position zu kommen.

Selbständigkeit ist durchaus ein Thema, aber dazu muss man der Typ sein, das richtige Konzept und die finanziellen Möglichkeiten haben.

Wo bekommen Frauen Beratung, Tipps und Unterstützung beim Wiedereinstieg?

In der deutschen Schweiz ist es eine schwierige Ausgangslage. Ich habe festgestellt, dass selbst RAV-Berater zu diesem Thema wenig sensibilisiert oder gar überfordert sind.

Es gibt aber eine spezielle Weiterbildung, welche die Wiedereinsteigerin einerseits fachlich auf den neuesten Stand bringt und andererseits durch Gruppen- und Einzelcoachings und vielen praktischen Tipps berät und betreut. Dabei lernt die Wiedereinsteigerin auch das eigene Profil zu schärfen und selbstsicher aufzutreten.

Diese Weiterbildung wird mit einem Praktikum ergänzt, was ein erster Schritt zurück in den Beruf sein kann. Es gibt zudem auch Laufbahnberatungen und Personal Coaches, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben.